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Man schrieb das Jahr 1908, wo viele Italiener in die ganze Welt auswanderten und ihr Glück weit weg von der Heimat suchen mussten, als meine Grosseltern, Gaspare e Giuseppina Ferlin aus Rovigo emigrierten und in Zürich eine venezianische Osteria, die “Chiantiquelle - Casa Ferlin” eröffneten. In kurzer Zeit waren sie nicht nur bei der grossen italienischen Gemeinschaft, sondern gleichermassen auch bei den Zürchern bekannt und beliebt, weil meine Grossmutter eine hervorragende Köchin und mein Grossvater eine geistreiche Persönlichkeit, ein richtiger „Veneto“ war.
Revolutionär wirkte, dass mein Grossvater als Venetier die Toskana liebte und Chianti vom Castello
di Uzzano als Hauswein ausschenkte. Wie gerne würde ich ihn darüber ausfragen!
Jedes Jahr fuhr Grossvater Gaspare mit dem Zug zu seinen Freunden im Chianti und wählte sein Fass aus, das dann in Korbflaschen abgefüllt, mit dem Zug nach Zürich gebracht wurde.
Ich habe meinen Grossvater nicht mehr gekannt, habe aber dafür eine enge Beziehung zu meinem Onkel Menotti bekommen. Als junger Bube half ich ihm, tausende der wunderbaren Korbflaschen in seinen Keller zu bringen. Dadurch lernte ich jenen unvergesslichen Duft der Strohflaschen kennen. So ist mir der Chianti in den Armen und vor allem im Herzen geblieben!

Die Beschäftigung meines Vaters, Roberto senior, war völlig anderer Natur: Ein wunderschönes Bekleidungsgeschäft an der eleganten Bahnhofstrasse in Zürich. Um diesen Beruf zu erlernen, schickte er mich ins Ausland. Während 5 Jahren arbeitete und studierte ich in England, Frankreich, Italien und zu guter letzt für kurze Zeit in Spanien.  Eine wunderbare, wenn auch zeitweise etwas unbequem-harte, aber einmalige Erfahrung, die mir die Welt eröffnete und mir die Möglichkeit gab, in das Familienunternehmen einzutreten. Die Textilbranche ist ein Teil von mir und erfreut mich bis zum heutigen Tag, auch wenn meine Lebenswege sich in eine ganz andere Richtung bewegten.

Von Spanien, meinem letzten Studienaufenthalt, brachte ich aber nicht nur die wunderschöne Sprache  sondern auch gleich meine zukünftige Frau Maja mit. 17 Jahre führten wir gemeinsam das Familienunternehmen.
1985 verspürte ich den Wunsch, mein Leben zu verändern und zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Ich wollte das Landleben geniessen, meine Familie in die Hügel des Chianti bringen und Wein produzieren.

In jenen Jahren entsprach diese Entscheidung noch keiner “Modeströmung” und es war ein echtes Abenteuer für die ganze Familie. Doch auch meine Frau verspürte diesen Wunsch  nach einem romantischen Landleben, reich an Farbe und dem Geschmack der Natur. 

Die Suche nach dem Traumbetrieb entpuppte sich als reiches Erlebnis. Zu allererst suchte ich zwei Fachleute  die mir helfen konnten, den richtigen Boden und die Gegend zu finden, wo es möglich war, meinen Wein zu produzieren. Dank den vielen Büchern die ich über toskanische Weine gelesen hatte, lernte ich den Önologen Vittorio Fiore und anschliessend den Agronomen Remigio Bordini kennen. Mit ihnen zusammen fanden wir das Weingut Terrabianca auf den Hügeln von Radda in Chianti.

In den Jahren 1988-89 zog ich mit der ganzen Familie in die Toskana um, aber was uns erwartete, konnte ich nicht einmal in meinen kühnsten Träumen erahnen! 
Auf dem Land zu leben und Wein zu produzieren ist eine der grössten Herausforderungen: Die Schule für die Kinder, die Arbeit auf dem Lande, der Keller und alle Menschen die um den Wein herum sind. Wir mussten alles - und zwar sehr schnell - von der Basis auf lernen. Es war alles neu.
Aber mit sehr viel Durchhaltewillen, Gespür und Arbeit lassen sich Berge versetzen!

Campaccio, der kreative Wein, war mein erster Wein, gefolgt von den beiden Chianti, Scassino und Croce, den Weinen der Tradition, die die Basis meiner Idee “Wein zu machen”darstellen.
Doch die Ideen können noch so davoneilen. Wein machen braucht sehr viel Zeit, und am Anfang kann man sich das überhaupt nicht vorstellen. 
Die Zeit um einen Weinberg anzulegen, die Wahl der Klone, Strukturierung des Weinberges, die Bearbeitung jeder einzelnen Pflanze damit sie wächst, bis die ersten Trauben und der erste Wein der neuen Reben gekeltert ist. Dann erst kommt der grosse Moment der Degustation. 
Um einen Wein, ausgehend vom Wachstum der Reben bis hin zur Reifung der Trauben zu machen, braucht es 3-4 Jahre, um auf den Markt zu kommen 5-6 Jahre. Ein grosser Wein braucht mindestens 15 Jahre, denn das erfordert vollkommen ausgeglichene Weinberge, die mit der Traubenproduktion im Einklang sind.  
Der Wein ist eine Sprache, Arbeit, Phantasie und Kreativität, die vom Leben erzählt.

Zuerst begann ich die Produktion mit den Trauben der alten Weinberge, aber bereits im 1989 ersetzten wir einen Teil davon.  Heute sind alle Anlagen erneuert, und mit den neuen Rebstöcken werden wir eine Weinanbaufläche von 51 ha und eine nie erahnte Traubenqualität erreichen.

Ich habe sehr schnell verstanden, dass ich, um mit meinen Produkten gewisse Resultate zu erzielen, beim Weinberg ansetzen musste. Die Strukturen der Weinberge mussten durch neue Aufzuchtmethoden, mit höherer Pflanzendichte und mit dem Einsatz von neuen ausgewählten Klonen erneuert werden.  Die in den
50-er und 60er-Jahren gepflanzten Weinberge eigneten sich meines Erachtens nicht dafür, Zukunft meines Weines zu sein.  Heute wird oft davon gesprochen, dass der Wein im Weinberg erzeugt wird.  Das ist wohl wahr, aber überhaupt nicht einfach zu bewerkstelligen.  Es bedarf viel Zeit (5–10–15 Jahre) und eine nicht zu unterschätzende Vorbereitung!

Mit den 15 Sangiovese-, den 12 Cabernet-, den 9 Merlot- und 1 Canaiolo –Klonen, welche ich in Abhängigkeit der Beziehung zwischen den Böden, den Mikroklimaten und den Lagen ausgesucht habe, verfüge ich über eine breite Palette an Kompositionen. Auf diese Weise habe ich für jeden Wein eine ganz spezielle Auswahl von Klonen und Lagen zur Verfügung was mir erlaubt, die besonderen Eigenschaften der verschiedenen Weine am besten hervorzuheben, zu diversifizieren, ihnen Charakter, Persönlichkeit zu verleihen und sie vor allem zum Ausdruck des “terroirs”zu machen. Man kann den klaren Unterschied jeder meiner Weine durch die Wahrnehmung der Düfte und Aromen unserer Reben herausschmecken.

Ich werde oft gefragt: Wie bist du auf den Wein gekommen?
Eine schwer zu beantwortende Frage, denn in seinem Innern hat der Mensch Gefühle, Empfindungen und Impulse, die er nicht mal sich selbst erklären kann. 

Die Idee und die Entscheidung, ein neues Leben auf dem Lande aufzubauen, umgeben von Rebstöcken und Olivenhainen war so faszinierend und geheimnisvoll, dass ich alles daran gesetzt habe, um sie zu verwirklichen, ohne an die Konsequenzen zu denken. 

Als dann die Erde zu “sprechen” begann und die Pflanzen wuchsen, die Trauben und die Oliven, konnte ich nicht umhin, ihr zuzuhören, sie bewundern und mich von ihr inspirieren zu lassen.
Das Resultat ist der Stil des Weines, dessen Geschmack, das Hotel mit Restaurant Villa il Tesoro und all das was wir in den letzten Jahren realisiert haben, mit dem Einsatz der ganzen Familie und meiner hervorragenden Mitarbeiter.

Campaccio, Campaccio Selezione, Ceppate, Cipresso, Croce, Il Tesoro, Scassino, und  La Fonte sind unsere herrlichen Weine, bekannt in vielen Ländern der Erde .
Es sind dies die Namen unserer Weinberge, uralte Namen, die der Tradition der wunderbaren Anlagen von Terrabianca entspringen.

“Die Kunst Wein zu machen ist Lebenskunst. Weintrinken ist die Kunst des Geniessens“
Roberto Guldener
Viticultore

   








 
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